Hanns A. Brütsch, Architekt BSA/SIA
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Texte, Berichte, Medien

Der Schandfleck von Z.

Essay aus dem Hochparterre (8/9 1989)
Heft 8/9 1989

Text: Irma Noseda
Illustration: Emanuel Tschumi

...
Februar 1990: Die Lehrerschaft eines Schulhauses von Z. nimmt auch am
Fastnachtsumzug teil. Sie hat ein architektonisches Thema gewählt, nämlich das
im Städtchen seit dreissig Jahren umstrittene Bürohaus Zentrum. Im Umzug tragen
die Lehrer ein grosses Modell des Glashauses mit, an welchem sie rüstig
herumpickeln unter dem Motto: Die Berliner Mauer ist gefallen - wann fällt der
Schandfleck von Z.?
Bereits im September 1988 ist dem Parlament von Z. als Vorschlag zur
700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft eine Petition eingereicht worden: "Baut den
alten 'Hirschen' wieder auf, damit in Z. etwas Rechtes gebaut wird und grosse
Sünden abgetragen werden."
...

Thomas Hürlimann, in "Mein Zug"

Hanns A. Brütsch, einer der begabtesten Architekten des Landes, hatte in Oberwil, einem verschlafenen
Weiler vor den Toren der Stadt, ein luftiges Betonzelt aufgeschlagen, und ein winziges Männchen,
Ferdinand Gehr, hatte an die Innenwände eine Schar von Engeln gemalt. Engel? Das sollten Engel sein? O
nein, entschied das gesunde Volksempfinden krankhaft schäumend, das war ein Geschwader von
Spiegeleiern, eine schamlose Verletzung von Sitte, Geschmack und Anstand. Da wickelten, vermutlich zum
letzten Mal, ganze Müttervereine, Blaskapellen und Männerturnvereine ihre Rosenkränze um die
faustgeballten Hände, sie stellten sich eifrig-geifrig unter Gehrs Bilder und hofften inständig, das
kollektive "Beten" möge die "Schweinerei" zum Verschwinden bringen. Ja, damals hat das Wünschen noch
geholfen. Man verbannte die Kunst, jedenfalls für ein paar Jahre, hinter schwere Vorhänge – aber übermalt
wurde sie nicht, und das hatte tatsächlich zur Folge, dass ein paar der aufrechtesten Brütsch- und Gehr-
Feinde, gestandene Juristen aus dem Establishment der Stadt, einem furiosen Wahnsinn verfielen.
Wehklagend lieferten sie sich in der Anstalt ein, im Franziskusheim, wo sie von einem glücklich
grinsenden Pfarrhelfer empfangen wurden.

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